„Bitte Céline, du weißt eh, mach den Text kurz und knackig. Die Leute wollen nicht mehr viel lesen.“ Das ist ein Satz, den ich tatsächlich oft bei Auftragserteilung höre, so quasi hintendran, als „Eh klar“-Zusatz. Es weiß schließlich jeder, dass die Menschen nicht mehr lesen wollen, sondern nur mehr Bilder und Videos schauen. Stimmt’s?

Ich sage gleich vorweg: Ich halte das für eine Mär.*

Dem Wunsch nach „Kurz und knackig“ liegen 2 Irrtümer zugrunde:

Irrtum Nummer 1: Die Leute lesen keine langen Texte mehr.

Das stimmt so generell nicht. Menschen lesen dann nicht,

  • wenn der Inhalt sie entweder nicht persönlich berührt oder
  • der Text sie erschlägt. D. h. wenn sie vom Schriftbild her schon Angst haben, dass sie die Informationsflut nicht bewältigen und sie daher keinen Nutzen daraus ziehen können.

Wenn aber, wie es neudeutsch so schön heißt, „Involvement“ da ist, also das Thema und der Text den Leser persönlich betreffen, berühren, inspirieren, trösten, erheitern etc., dann lesen sie sehr wohl. Wenn – und das ist das, was zählt – wenn der Text sprachlich und optisch so aufbereitet ist, dass er in verdaubaren Häppchen kommt und den Leser durchzieht. Bis zum Schluss.

Dazu ein profanes aber persönliches Beispiel: Waschmittel. Alltag pur.

Ein Thema, das vermutlich nicht viele Leser hinter dem Ofen hervor und zum PC lockt. Manche aber schon, so wie mich. Warum? Weil mein Mann olfaktorisch hochsensibel ist. Sprich: Er hält den Geruch von Waschmittel nicht aus. Keinen! Was glauben Sie, was ich alles lese, damit unser Wäscheständer nicht vereinsamt, wir aber trotzdem was anzuziehen haben?

Waschmittelbeipacktexte, Texte über Alternativen zu Waschmittel, Anleitungen zum Selbermachen… (Falls Sie das auch interessiert: Meine aktuellen Lösungen sind Kastanien, Waschnüsse und ein spezielles Babywaschmittel von dm, saisonal und schmutzspezifisch anzuwenden. Ändert sich aber laufend).

Irrtum Nummer 2: Kürzer ist billiger. Warum soll ich mehr investieren, wenn’s eh keiner liest?

Kürzer erscheint auf den ersten Blick günstiger. Schließlich gilt: weniger Text, weniger Zeit. Oder? Nein! Gerade Texte, die extrem kurz sein müssen, aber den Leser erreichen sollen, brauchen extrem viel Hirnschmalz. Snippets für Google sind so ein Beispiel. Oder Texte, die in vorgegebene Felder in Content Management Systeme passen müssen. Deshalb rechne ich solche Texte auch nicht nach meinem Standard Preis-Mengen-Verhältnis ab, sondern erstelle dafür immer ein individuelles Angebot.

Den Nachsatz „…wenn’s eh keiner liest“, habe ich oben bereits widerlegt. Wenn Sie Menschen erreichen wollen, brauchen Sie Text. Wenn Sie die Menschen damit dann erreichen, wird er auch gelesen!

Sie haben viel zu sagen? Tun Sie es!

Meistens haben meine Auftraggeber – zu Recht – viel zu sagen! Sie haben ein Ziel, das sie mit dem Text erreichen wollen. Das spießt sich mit „kurz und knackig“.

Denn Texte, die ausschließlich kurz und knackig sind, verlieren an Potenzial. Sie verlieren Inhalt und noch viel mehr: Sie verlieren an Gefühl und damit an der Kraft, Vertrauen aufzubauen. Das mag egal sein für Produkte des täglichen Lebens (auch nicht immer, siehe mein Waschmittelthema), aber es ist nicht egal für Leistungen, die an der Person des Anbietenden hängen. An Ihnen. Denn im Endeffekt „verkaufen“ Sie mit Ihrer Leistung auch immer etwas von sich selbst mit. Nämlich Ihre Begeisterung und Ihre Leidenschaft, Ihre Erfahrung und Ihr Mitgefühl.

Wie geht es also sonst?

Dafür braucht es – selbstverständlich in Abstimmung mit Bild, Ton und Bewegtbild – auch Text. Text, der zu Beginn gleich fesselt, weil er an den Leser andockt. Der dann durchzieht bis zum Schluss. Für ein harmonisches Ganzes.

Und Sie brauchen einen Webdesigner, für den Text nicht nur Füllmaterial und Nebensache ist, sondern das Fleisch, aus dem er das Menü kreiert.

Sind Sie noch da?

Ja? Schließlich war das jetzt eine ganze Menge Text. Ein Experiment sozusagen. 😉

Sagen Sie mir doch, wie Sie es jetzt bis zum Schluss geschafft haben: Ich freue mich auf Ihren Kommentar!

*Das Wort „Mär“ kommt aus dem Althochdeutschen, bedeutet „Geschichte“ und wird seit dem Mittelalter im Sinne eines „Berichts, der keine Glaubwürdigkeit besitzt; unwahre Erzählung“ verwendet. Durchaus auch spöttisch.

Quelle: https://de.wiktionary.org/wiki/Mär