Im Weihnachtswald

Mit klammen Fingern stopft er die letzten Kleinigkeiten in seinen roten Stoffrucksack und schnürt die Bänder zu. Autsch! Dieser verdammte, lange, weiße Bart. Wäre er doch noch zum Barbier gegangen! Aber bitte, es muss ja immer alles gleich sein. Sofort. Schnell. Sagt zumindest seine Frau. Wenn es nach ihm ginge, würde er sich jetzt seinen Fingerhut voll mit dunklem Bockbier zapfen und sich aufs weiche Moos legen. Ein Nickerchen wäre genau das Richtige. Schnee lag eh keiner, also gab’s auch keine Weihnachtsstimmung. Und keinen Schlitten, mit dem er zum Zwergenpostamt rodeln konnte, unten im Tal am Fuß seines Waldes. Zu Fuß gehen? Bäh! Rucksack voller Pakete schleppen. Rücken-Aua. Wozu das Ganze? „Damit die Kinder ihre Geschenke bekommen!“ sagt die Frau. Und duldete keine Widerrede.

Was interessieren ihn die Kinder? Die, die, wenn sie überhaupt noch in den Wald kommen, laut grölen und auf seinem Lieblingsmoosplatz rumtrampeln. Die Müll liegen lassen, den ein ganzes Zwergenkommando wieder wegräumen muss. Oder die mitten im Wald nichts Besseres zu tun haben, als auf leuchtende Vierecke in ihren Händen zu starren und drüber zu streicheln. Wie sanft sie da sein können und oooh wie leise! Ob die ihre Freunde auch mal streicheln?

Naja egal. Er streichelt schließlich auch niemanden, schon lange nicht mehr. Grantelt lieber. In Gott’s Namen, macht er sich halt auf den Weg, durch den Wald, über Zweige und Blätter zum Zwergenpostamt. Stapft missmutig vor sich hin. Autsch (schon wieder)! Knacks. Wo war er? Plötzlich war es finster um ihn herum. Erde rieselte auf seine grüne Zipfelmütze. Er versuchte mit den Händen etwas Festes zu fassen zu kriegen, aber er fand keinen Halt. Rutschte immer tiefer. Sein Zeh schmerzte. Die Stiefel waren auch nicht mehr die neuesten, hätte er doch nur die mit den festen Kappen… es half nichts. Erschöpft setzte er sich auf den Boden und schlief ein. Da fand er sich auf einer weißen Wolke wieder, auf der er sich wohlig ausstrecken konnte. Wie daunenweich die war!

Er blickte um sich und sah, wie er über die Erde schwebte. Unten war es finster. Da und dort sah er ein Licht angehen. Und noch eins. Und noch eins. Plötzlich erhob sich die Sonne hinter dem Horizont und tauchte die Welt unter ihm in rotgoldene Farbe. Dem Zwerg auf der Wolke wurde ganz warm ums Herz. Geblendet wendete er seinen Blick zur Seite und sah eine Leiter. Er griff nach ihr und fühlte Holz in seiner Hand. Es durchzuckte ihn. Er schlug die Augen auf. Vor ihm lehnte tatsächlich ein Ast, mit kleinen Zweigen dran, wie eine Leiter. Von oben fiel Licht auf ihn! Schnell kletterte er hinauf – und hörte gerade noch, als ein kleiner Bub seiner Mutter nachrief: „Mama, ich hab den Stock da hinten in das Loch gesteckt! Da wohnt sicher ein Erdhörnchen drin, das kann jetzt raus klettern. Und jetzt will ich endlich Kekse backen gehen!“ 

Mit einem leisen Lächeln auf den Lippen lief er rasch weiter ins Tal.