Mein Christkind
Mein Christkind

 „Mama, warum wird das Christkind immer als Mädchen gezeichnet?“ Die Aufregung in der Adventzeit steigt spürbar. „Mama, gibt’s das Christkind wirklich?“ „Wer bringt uns die Geschenke?“

„Mama, glaubst DU ans Christkind?“

Aber natürlich glaube ich ans Christkind! Ganz fest. Denn das Christkind wohnt ihn mir.

Früher, als es noch draußen herumflog in der Kälte, mit rotem Näschen und kalten Füßchen, mit goldenen Flügeln und Glitzerstaub, ein leises Klingeling war fern zu vernehmen, damals, als ich es so sehnsüchtig erwartete, damit es mir hoffentlich, endlich, bitte, bitte, bitte die wunderschöne Schlafpuppe bringen sollte, ja früher, da besuchte mich das Christkind einmal im Jahr. Ganz kurz.

Für einen klitzekleinen Moment kam es. Ließ da, was ich ersehnte. Mein Herz wurde weit, es raste, der Blick auf den strahlenden Baum! Und bumm war es wieder weg. Ich öffnete die Geschenke, freute mich, genoss. Das hinziehen, hinfreuen, hinfeiern, gipfelte in diesem einen Moment und – aus. Als drehte jemand nach Wochen des halbdunklen Zaubers das Licht auf. Wie im Theater nach einer ergreifenden Vorstellung. Dann kam die große Leere. Das Warten bis zum nächsten Jahr.

Über die Jahre verblasste auch dieser Weihnachtszauber im Erwachsen werden. Irgendwann, es ist ein paar Jahre her und ich stand mitten im Leben, kam mich das Christkind erneut besuchen. Nicht zu Weihnachten, ich glaube es war Spätsommer. Diesmal klopfte es von innen an mein Herz. Zögerlich ließ ich es herein. Für einen Moment nur. Dann noch einen. Ein paar Sekunden erst. Dann wurden es Minuten. Oft war es Musik, die die öffnete spielte. Oder ein Satz den ich las. Ein Stück blauer Himmel im Nebel.

Es fühlte sich an, als sollte ich üben, wie es ist, die Tür einfach ein Stück weit offen zu lassen. Ich ließ es zu. Ich wusste nicht, wohin der Weg mich führen würde, spürte nur, dass er auch schmerzhaft werden könnte. Aber ich wusste, alles war gut. Das Christkind war da. Ich fühlte mich in den Arm genommen und bestärkt. Ohne zu ahnen worin.

Inzwischen, viele Turbulenzen und ein gefühltes ganzes Leben später, hat es sich das Christkind bei mir gemütlich gemacht. Hat sich sein Bettchen gerichtet. Ab und zu ist wird es ihm zu laut und zu hektisch, dann verzieht es sich. Aber wenn ich die Stille des Waldes höre, dann ist es da. Wenn ich mir die Zeit für einen Kaffee in meinem Lieblingsfauteuil nehme, dann ist es da. Wenn ich schreibe, dann ist es da. Es ist ein Teil von mir. Mein eigenes inneres Christkind.

Mit ihm folge ich meinem Herzensweg. Mit ihm kann ich wild sein und anschmiegsam. Mit ihm blühe ich auf und ziehe mich zurück. Mit ihm schenke ich Leben und versetze mich in meine Kinder. Mit dem Christkind in mir ist alles gut in meiner Welt.

Ich frage mich: Ist es nicht einfach die Natur der Weiblichkeit, das Christkind in sich zu tragen? Liebe zu schenken und zu empfangen, wild das Leben auszukosten und Geborgenheit zu geben? In uns zugehen, um aus uns schaffen? Vielleicht wird deshalb das Christkind immer weiblich dargestellt?

Das Christkind ist in jedem von uns. Wir brauchen nur etwas Mut, um es herein zu lassen. Nicht nur am 24. Dezember. Vielleicht fangen wir jetzt gleich damit an?