Sind lange Texte einfach out?

„Bitte Céline, Du weißt eh, mach den Text kurz und knackig. Die Leute wollen keine langen Texte lesen. Ich auch nicht.“ Das ist eine Aussage, die ich oft nach dem Start-Workshop für ein Textprojekt höre, hintendran, als „Eh klar“-Zusatz.

Denkst Du im ersten Moment auch so? Fragst Du Dich, wieviel Text ist gut auf Deiner Website? Du willst ja niemanden überfordern?

Es gilt schließlich als common sense, dass Menschen nicht mehr lesen wollen, sondern nur mehr Bilder und noch mehr Videos schauen, nicht wahr? Facebook & Co legen uns das ja ganz besonders nahe. Mir als Texterin tut das natürlich weh. Weniger, weil ich so gerne schreibe. Sondern, weil ich selbst viel lieber lese, als ein Video anzuschauen. Denn beim Lesen bestimme ich das Tempo. Aber das führt jetzt in eine andere Richtung…

Wie handeln weniger Text-liebende Menschen als ich?

Stimmt es wirklich, dass Menschen nicht mehr lange lesen wollen?

Vorweg: nein. Nicht umsonst liegt lt. Google die Durchschnittslänge viel gelesener Blogartikel bei etwa 1.800 Wörtern.

1.800 Wörter sind etwa 3 bis 4 vollgeschriebene Word-Seiten.

Woher kommt dann dieser Wunsch meiner Kundinnen nach „kurz und knackig?“

Ich glaube, diesem Wunsch liegen 2 Irrtümer zugrunde:

Irrtum Nummer 1: NIEMAND liest mehr lange Texte.

Der Punkt ist: Das Lesen von Texten kann man nicht über einen Kamm scheren. Du liest eine Packungsbeilage von einem lebenswichtigen Medikament vermutlich genauer als die Anleitung Deines Fernsehers. Hier hättest Du vielleicht sogar lieber eine Youtube-Erklärung.

Aber wenn es Dich nach dem Genuss Deiner Lieblingsspeise neuerdings regelmäßig im Bauch zwickt, liest Du mit Hingabe verschiedene Artikel über Nahrungsunverträglichkeiten. Vorausgesetzt, Du kannst diese Texte auch verdauen.

Das heißt, es gibt 2 Situationen, in denen Menschen Text nicht oder nicht genau lesen, obwohl sie nach einer Information suchen:

  • Wenn das Problem bzw. der Inhalt sie nicht persönlich, emotional berührt und sie nur schnell eine Lösung brauchen (z. B. Ein Gerät tut nicht, was es soll).
  • Wenn der Text sie zu erschlagen droht.
    D. h. Wenn sie vom Schriftbild her schon Angst haben, dass sie die Informationsflut nicht bewältigen und sie daher keinen Nutzen daraus ziehen können.

Wenn Deine Texte aber Deine LeserInnen involviert, also das Thema und die Worte sie persönlich betreffen, berühren, inspirieren, trösten, erheitern, eine Lösung versprechen, die ihr Leben verbessert, etc., dann lesen sie sehr wohl.

Du siehst: Es geht um die Gefühle, die durch den Text ausgelöst werden.

Je mehr Gefühle Du mit Deinen Worten auslöst, desto mehr Text wird gelesen.

Wenn – und das ist das, was zählt – wenn der Text sprachlich und optisch so aufbereitet ist, dass er gut strukturiert, in verdaubaren Häppchen kommt und die LeserInnen am roten Faden durchzieht. Bis zum Schluss.

Ein persönliches Beispiel: Waschmittel-Infotext. 

Alltag pur. Waschmittel sind ein Thema, das vermutlich nicht viele Menschen hinter dem Ofen hervor und ins Internet lockt. Mich schon, denn: Mein Mann hält den Geruch von Waschmittel nicht aus. Gar keinen. Was ich alles schon gelesen habe, damit unser Wäscheständer nicht vereinsamt, und wir trotzdem was anzuziehen haben….

Waschmittelbeipacktexte, Texte über Alternativen zu Waschmittel, Anleitungen zum Selbermachen von Waschmittel…*

Irrtum Nummer 2: Ein kürzerer Text ist weniger Aufwand, aber bringt das Gleiche.

Ein kürzerer Text erscheint auf den ersten Blick günstiger. Schließlich gilt: weniger Text = weniger Aufwand.

Oder?

Nein!

Ein guter Text, der gelesen werden und zu einer Handlung führen soll (Conversion), braucht in jedem Fall Einiges an Hirnschmalz und Zeit. Denn die meiste Zeit fließt in die Konzeption und Strukturierung des Texts.

In das “Was sage ich wo, wie, in welcher Reihenfolge?” Und erst dann in “Mit welchen Worten?”

Wenn Du Menschen erreichen und Deine Leistung verkaufen willst, brauchst Du Text, der Deine LeserInnen erreicht, abholt, berührt und das Vertrauen schafft, dass Du ihr Problem lösen kannst.

Ein solcher Text muss Verständnis, Wärme und Zuwendung signalisieren. Von der obersten Überschrift und dem ersten Satz weg. Denn hast Du die Menschen erst einmal emotional “eingefangen” und die Lösung des Problems in Aussicht gestellt, werden sie den Text auch lesen!

Und dann ist die Chance groß, dass sie nach dem Text etwas TUN: Klicken, kommentieren, schreiben, kaufen.

Du hast viel zu sagen? Tu es! Mit den richtigen Worten.

Meine Kundinnen, genauso wie Du, haben viel zu sagen – zu Recht!

Alle Frauen, die ihrem Herzensbusiness nachgehen, haben dasselbe Ziel, das sie mit ihren Texten erreichen wollen: Vertrauen aufzubauen. Doch das spießt sich mit „kurz und knackig“.

Denn Texte, die vom Inhalt her ausschließlich kurz und knackig sind, verlieren an Potenzial. Sie verlieren nicht nur an Information, sondern: Sie verlieren an Gefühl und Wärme, und damit an der Kraft, dieses Vertrauen aufzubauen. Das mag egal sein für Produkte des täglichen Lebens (auch nicht immer, siehe mein Waschmittelthema), aber es ist nicht gleich für Leistungen, die mit der Person des Anbietenden eng verbunden sind. Mit Dir.

Denn im Endeffekt verkaufst Du mit Deiner Leistung auch immer etwas von Dir selbst mit. Nämlich Deine Begeisterung und Deine Leidenschaft, Deine Erfahrung und Dein Mitgefühl.

Ein weiterer wichtiger Punkt, der für längere Texte spricht: Google schätzt viel und guten Content. Je mehr Sie sagen und erklären, desto eher glaubt Google, dass LeserInnen viel wertvolle Information finden. damit rankt Google Deinen Text besser.

Wie soll Dein Text also sein?

Dein Text muss zu Beginn gleich fesselnindem er an das Problem/Bedürfnis/Gefühl Deiner LeserInnen andockt und sie beim Schopf packt. Mehr dazu liest Du in Wenn die Kundenbrille fehlt und Mit wem sprichst Du in Deinem Text?

Dann braucht es einen roten Faden, der durchzieht bis zum Schluss. Dort ist sie oder er schon so gefangen, dass er/sie idealerweise gar nicht mehr anders kann, als auf “Ja, ich will” zu klicken. Wie Du Deinen Text clever aufbaust, liest Du hier.

Der einzige Aspekt, wo “kurz & knackig” absolut sinnvoll ist, ist die Wortwahl: Worthülsen, Hauptwörter, die im früheren Leben mal Verben waren, Füllwörter, marketingmäßig aufgeblasene Wörter, Modalverben vermeidest Du, so gut Du kannst. Ebenso wie komplizierte Sätze. Sie stören den Lesefluss und kosten LeserInnen unnötig Zeit und Energie. Mach es Deinen LeserInnen leicht!

Fazit: 3 Gründe, die für sinnvoll lange Texte sprechen:

  • Du hast viel zu sagen – tu das und teile Dein Wissen mit Menschen, die danach suchen! (Die anderen werden Deine Texte nicht lesen, aber das macht nichts. Mit denen sprichst Du ohnehin nicht. Deshalb ist es auch nur eingeschränkt sinnvoll, Freunde und Familie Deine Texte Probe lesen zu lassen und zu fragen, ob der Text ihrer Meinung nach zu lang ist. Ihre Antwort ist ziemlich sicher „ja“…)
  • Du brauchst ausreichend Worte, um zu überzeugen, zu berühren und zu verkaufen. Sonst lässt Dein Text Deine LeserInnen einfach “kalt”.
  • Google schätzt lange Texte, WENN sie guten Content haben.

Liest Du noch oder bist Du schon weg?

Schließlich war das jetzt ein recht langer Text, etwas über 1100 Wörter.

Schreib mir doch bitte in die Kommentare, was Du jetzt zum Thema kurz und knackige Texte denkst! Ich bin gespannt.

Deine Web-Texterin aus Wien,

Céline Tüyeni. Texterin für Frauen, die mit ihrem Herzensbusiness Erfolg haben willen

* P. S. Ich wasche aktuell 2/3 unserer Wäsche mit Lauge aus frischen Kastanien und Geruchsblocker, 1/3 mit Baby-Waschmittel. Just saying…😉